Die Kriegshetzer aus dem Gentlement's Club

Helmut Roeuers Studie über politische Drahtzieher in London, die vor 1914 alles daransetzten, Deutschland in den Krieg zu ziehen

JÜRGEN W. SCHMIDT (Buchbesprechnung in der Jungen Freiheit)


Nicht erst seit seinem vorletzten Buch „Kill the Huns – Tötet die Hunnen“, Graz 2014 (JF 5/15) hat der Geheimdiensthistoriker Helmut Roewer bewiesen, daß er sich in der englischen und amerikanischen Geschichte gut auskennt. Die Früchte einer Archivreise nach England birgt sein neuestes Buch, wobei der Buchtitel genau das verspricht, was darin anhand von Literatur und Dokumenten untermauert wird, nämlich „Warum England den Ersten Weltkrieg auslöste und Amerika ihn gewann". Roewer will nicht alte Verschwörungstheorien verwerfen, nur um dafür eine neue Verschwörungstheorie von einem Triumvirat in England zu installieren, welches England 1914 und anschließend Amerika 1917 in den Ersten Weltkrieg hineinzog. Aber genau darum geht es in dem Buch, mit welchem Roewer auf den Spuren von Niall Ferguson und dessen Buch „Der falsche Krieg" (erschienen im englischen Original 1998) wandelt. Nicht Deutschland, sondern England strebte in den Jahren vor 1914 nach der Weltherrschaft. Nicht Deutschland, sondern England lebte 1914 mangels ausreichenden Exports über seine Verhältnisse und stieß allerorten auf den wirtschaftlich so erfolgreichen Konkurrenten Deutschland. Schon 1910 äußerte der führende britische Konservative Arthur James Balfour gegenüber Henry White, dem vormaligen US-Botschafter in London unverblümt: „ Walırscheinlich sind wir Narren. daß wir keinen Grund finden, um Deutschland den Krieg zu erklären, bevor es zu viele Schiffe baut und uns den Handel wegnimmt“. Als Botschafter White daraufhin den Ratschlag gab: „Falls Sie mit Deutschland zu konkurrieren wünschen. arbeiten sie einfach härter“, entgegnete ihm Balfour mit entwaffnender Offenheit. „Das würde eine Senkung unseres Lebensstandards bedeuten. Da wäre es einfacher für uns, einen Krieg zu führen.“

Der britische Außenminister Edward Grey warnt 1909 auf dem Londoner Pressekongreß vor der Wirtschaftsmacht Deutschland: Zur Entfachung eines Krieges müsse man vorher kräftig Öl ins Feuer gießen.

Hierbei ist anzumerken, daß man in England nicht mit einem jahrelangen Weltkrieg, sondern infolge der Überlegenheit der gegen Deutschland ins Feld zu stellenden Koalition maximal mit drei Monaten Kriegsdauer rechnete. Hinter dem Rücken des damaligen liberalen Parteivorsitzenden Henry Campbell-Bannerman fand sich deshalb ein Triumvirat von drei englischen Politikern (Henry Asquith, Edward Grey, Richard Haldane) zusammen, welche diesen für England so unerfreulichen wirtschaftlichen Zustand notfalls tatsächlich durch Krieg abändern wollten. „Das Netz wurde gesponnen, und Deutschland flog hinein wie eine brummende Fliege“, meinte schon 1914 der französische Diplomat Abel Ferry.

In seinem Tun und Handeln wurde dieser zu allem entschlossene Dreimännerbund durch den Umstand begünstigt, daß es in England kein sonderlich demokratisches Wahlrecht gab und der seinerzeitige König Edward VII. (gestorben1910) in seiner Germanophobie damals in Deutschland erheblich unterschätzt wurde. 1914 hatten Asquith (Premierminister), Grey (Außenminister) und Haldane (1905-1912 Kriegsminister, danach Lordkanzler) alle die notwendigen politischen Schlüsselstellungen inne, um hinter dem Rücken des englischen Volkes und am englischen Parlament vorbei in den Krieg einzutreten, zu dessen Entfachung man vorher kräftig Öl ins Feuer gegossen hatte, wie Roewer dokumentiert. Insbesondere die Enthüllung des scheinheiligen Trauerspiels um Belgiens Neutralität, was einen guten, vor allem innenpolitisch brauchbaren Kriegsgrund abgab, ist lesenswert. Einige nicht zum Triumvirat gehörende Politiker wie Marineminister Winston Churchill und Finanzminister David Lloyd George unterstützten aus unterschiedlichen Gründen Asquith nebst Genossen bei ihrem gefährlichen Treiben. Seltsamerweise sind frühzeitig die einschlägigen Kabinettsprotokolle verschwunden.

Im zweiten Teil des Buches geht der Verfasser auf die Gründe des damals wie heute von einem Geldadel beherrschten Amerika ein, sich politisch und militärisch auf die Seite Englands zu stellen. Das „Drehbuch“ für den Kriegseintritt beschrieb im Februar 1916 Grey mit seiner Frage an den amerikanischen Präsidentenvertrauten Colonel House: „Was wird Amerika tun, wenn die Deutschen einen Ozeandampfer mit amerikanischen Passagieren an Bord versenken?“


Widerlegung der Thesen des Historikers Fritz Fischer

Das deutsche Dilemma von 1917 beschreibt Roewer mit der Feststellung, Deutschland würde den Krieg verlieren, wenn es Englands Einfuhr aus den USA nicht unterbinden könne. Deutschland würde den Krieg aber erst recht verlieren, wenn es Englands Zufuhr aus den USA zu unterbinden versuche. Trotzdem durfte es einfach nicht zu Fehlleistungen wie mit der „Zimmermann-Depesche“ (]F 44/13) kommen. Deren, textlich verfälschte, Variante wurde vom deutschen Außenstaatssekretär Arthur Zimmermann nicht etwa verleugnet, sondern unverständlicherweise als textlich korrekt anerkannt, was den USA einen plausiblen. propagandistisch tauglichen Kriegsgrund gab. Gerade der dritte Teil des Buches, in welchem Roewer der deutschen militärischen und politischen Führung ihre beachtlichen Fehler und Fehlbeurteilungen vorhält, dies alles unter dem Gesichtspunkt seiner ertragreichen Geheimdienstforschung, ist gleichfalls spannend zu lesen. Eigentlich ist das gesamte Roewersche Buch eine Widerlegung der Thesen des Hamburger Historikers Fritz Fischer aus den frühen sechziger Jahren, dessen Thesen immer noch verbreitet werden, obwohl ihn englische und amerikanische Quellen sowie aktuell dort lehrende und forschende Historiker immer eindeutiger widerlegen. In Deutschland hingegen möchten sich anscheinend viele nicht gern von ihren Schuldgefühlen bezüglich des Ersten Weltkriegs trennen.


Helmut Roewer: Unterwegs zur Weltherrschaft. Warum England den ersten Weltkrieg auslöste und Amerika ihn gewann. Scidinge Hall Verlag, Zürich 2016, 363 Seiten, gebunden, 24,95 Euro