Vorwort von Dr. Manfred Kehrig zu Joachim Hoffmanns Buch „Stalins Vernichtungskrieg“

Als am 22. Juni 1941 der deutsche Feldzug gegen die Sowjetunion begann, begründete die nationalsozialistische Propaganda die Eröffnung dieses neuen Kriegsschauplatzes mit der Behauptung, die Wehrmacht habe einem drohenden sowjetischen Angriff präventiv zuvorkommen müssen. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die deutsche und die westliche Forschung diese Begründung ins Reich der Fabel verwiesen und im Unternehmen „Barbarossa“ einen seit langem geplanten „Überfall“ des faschistischen Deutschland auf eine ahnungslose, schlecht gerüstete und zur friedlichen Koexistenz mit Deutschland bereite Sowjetunion gesehen. Andreas Hillgruber hat den Kampf gegen die Sowjetunion als eine in der nationalsozialistischen Ideologie ursächlich angelegte und von Hitler im Rahmen seines umfassenden Weltmachtkonzepts rational geplante Stufe auf dem Weg zur Erlangung dieses Ziels angesehen. Gegen diese deterministische Definition nationalsozialistischer Politik hat Anfang der 70er Jahre Bernd Stegemann in einem vielbeachteten Aufsatz Bedenken erhoben und Hitlers Kriegführung als vornehmlich sich aus den aktuellen politischen und militärischen Bedingungen ergebende Entscheidung charakterisiert. Diese Auseinandersetzung führte Hartmut Schustereit 1988 mit seiner Untersuchung über die Beweggründe Hitlers für seinen Entschluß zum Angriff auf die Sowjetunion fort, den er als einen Versuch, »durch den Sieg im Osten den Westen zu bezwingen«, und Hillgrubers These vom Stufenprogramm Hitlers als »Fiktion« bezeichnete. Mit der zeitweiligen Öffnung der sowjetischen Archive und der Liberalisierung des wissenschaftlichen Lebens sind seit 1989 neue Quellen zugänglich geworden, die auf das deutsch-sowjetische Verhältnis 1939/41 einen besseren Blick erlauben und zu einer ausgewogenen Betrachtung befähigen. Die seit Jahren geführte Diskussion über den Anteil der Sowjetunion am Ausbruch des Krieges mit Deutschland 1941 freilich muß geführt werden unter der Prämisse, daß dieser Krieg eine Auseinandersetzung auf Leben und Tod zwischen zwei totalitären Systemen war, die sich zur Erreichung ihrer politischen Ziele der gleichen Mittel und Methoden bedienten. Dies war nach 1945 kaum ins Bewußtsein der westeuropäischen Gelehrten gerückt, denn die Sowjetunion war schließlich Verbündeter der westlichen Demokratien gewesen und hat unter einem ungeheuren Zoll an Gut und Blut schließlich zum Sieg über Deutschland Entscheidendes beigetragen. Galt damit nicht im Bewußtsein der westlichen Intellektuellen die siegreiche Sowjetunion auch als Repräsentant eines besseren politischen Systems, das zu übernehmen war? Wer in Westdeutschland das sowjetische System in den Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kritisch untersuchte, auf seine kompromißlose Mißachtung von Freiheit und Menschenwürde, auf Terror und Unterdrückung hinwies, wurde nicht selten als Faschist beschimpft, als Neonazi verdächtigt, an Leib und Gut bedroht. Unter dem Banner des Antifaschismus versammelten sich all jene, die außer dem sowjetischen System nichts anderes mehr gelten lassen wollten. Dagegen hat sich auf allen Ebenen und Wissenschaftsfeldern Widerstand geregt, und gerade in der deutschen Geschichtswissenschaft hat es nicht an ernsten Anstrengungen gefehlt, allen antifaschistischem Indoktrinationsversuchen ruhig, überlegt und sicher argumentierend entgegenzutreten; zu diesen hat auch der Autor der vorliegenden Untersuchung gehört. Er hat die in den zurückliegenden vier Jahren bekannt gewordenen sowjetischen militärischen Planungen für eine kriegerische Auseinandersetzung mit dem Deutschen Reich quellenkritisch untersucht, sie mit den bisher bekannten Quellen verglichen und durch eine systematische Auswertung der Memoiren sowjetischer Militärs ergänzt. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, daß ein deutsch-sowjetischer Krieg unvermeidlich war, beide Mächte folglich für diese Auseinandersetzung rüsteten, operative Planungen machten und bestrebt waren, präventiv dem Gegner zuvorzukommen. Die sich im Frühjahr 1941 deutlich zum Vorteil der Sowjetunion verschiebende militärische Lage, die von der deutschen Führung nur schemenhaft aufgeklärt werden konnte, ließ Hitler den Juni 1941 als den letztmöglichen Termin erscheinen, um überhaupt noch einen präventiven Krieg führen zu können. Auf der anderen Seite hatte Stalin allem Anschein nach den Agriffstermin im Frühjahr 1941 von 1942 auf Juli-September 1941 vorgezogen, um die an der sowjetischen Westgrenze konzentrierte deutsche Wehrmacht in mehreren wuchtigen Schlägen zu vernichten; hierzu legt der Verfasser eine detaillierte Untersuchung der Vorgänge im Mai vor, um den Entschluß Stalins für ein militärisches Vorgehen gegen Deutschland im Sommer 1941 plastisch hervortreten zu lassen. Der Hauptteil der Untersuchung ist einem Aspekt des deutschsowjetischen Krieges gewidmet, der bisher überhaupt noch nicht ins Bewußtsein der westlichen Welt getreten ist; daß nämlich Stalin den Krieg gegen das Deutsche Reich als Vernichtungs- und Eroberungskrieg konzipiert und dann auch durchgeführt hat, so wie Hitler seinem Feldzug gegen die Sowjetunion wesentlich rassenkämpferische Motive beimischte. Hierbei kam Stalins Befehl vom 6. November 1941, alle Deutschen ohne Unterschied totzuschlagen, eine besondere Rolle zu, denn die unter Anleitung von I. Ehrenburg arbeitende sowjetische Propaganda sorgte dafür, daß dieser Befehl nicht nur bis zum letzten Soldaten bekannt gemacht, sondern auch exekutiert wurde. Die Aufforderung zur Ermordnung deutscher Kriegsgefangener und Verwundeter stand vom ersten Tage des Krieges an auf der Tagesordnung und erlebte eine infernalische Steigerung, als die Rote Armee Ende 1944 deutsches Staatsgebiet erreichte und gegen die deutsche Zivilbevölkerung auf Weisung ihrer Befehlshaber und Politischen Verwaltungen mordend, vergewaltigend, plündernd und sengend vorging, noch bis in die Wochen nach dem 8. Mai 1945 in ihren besetzten Gebieten eine breite Blutspur legend.

Der besondere Reiz der Arbeit von J. Hoffmann besteht darin, daß er mit Stalins „Vernichtungskrieg“ gegen Deutschland Aspekte beleuchtet und in den Vordergrund stellt, die bisher noch kein adäquates Interesse der westlichen Geschichtsschreibung gefunden haben.