BRDDR und die 18 Pleite-Freunde


Die Euro-Zone steckt weiter in Turbulenzen, auch wenn derzeit niemand genau hinsieht. Aber es sind zur Zeit Bundestagswahlen; da spricht man über solche Peinlichkeiten nicht...

Kommt es wirklich zum Kollaps der Währungszone, ist der deutsche Steuerzahler der große Verlierer. Denn Deutschland finanziert die Defizite der meisten anderen Mitglieds-Staaten.

Zu Anfang eine kleine Geschichte: Ein Mann hatte 18 Freunde. 16 davon waren pleite. Sie gaben jedes Jahr mehr aus, als sie einnahmen. 13 waren sogar überschuldet. Ob sie ihre Kredite dauerhaft würden bedienen können, erschien mehr als fraglich. Eines Tages beschwatzten die Freunde den Mann: „Leih uns doch bitte Geld! Du kriegst es auch bestimmt zurück.“ Und weil der Mann seine Freunde nicht verlieren wollte, tat er ihnen den Gefallen. Am nächsten Tag aber kamen die Freunde wieder: „Wir brauchen Geld, mehr Geld! Gib uns deine Scheckkarte, dann können wir selbst abheben, so viel wir wollen.“ Der Mann stutzte: „Wozu braucht ihr denn das viele Geld?“, fragte er. „Ganz einfach“, antworteten die Freunde. „Wir wollen mit dem Geld unsere Schulden bei den Banken zurückzahlen. Und danach kaufen wir dir mit deinem eigenen Geld dein Haus ab und dann auch noch dein Auto.“

Was, meinen Sie, ist passiert? Dumme Frage, werden Sie sich jetzt denken, aber so dumm ist die Frage gar nicht. Denn wie so viele Märchen hat auch diese Geschichte einen wahren Kern.


Der Mann in der Geschichte ist unser Bundesfinanzminister, und seine Scheckkarte heißt Target-Saldo. Und glauben Sie mir: Er hat seinen EU-Finanzministerkollegen die Scheckkarte zur freien Verfügung überlassen.

Aber der Reihe nach: 19 Staaten umfasst die Euro-Zone, 16 davon geben Jahr für Jahr mehr Geld aus, als sie einnehmen - so wie in der Geschichte. Nur Luxemburg, Estland und Deutschland kommen mit ihren Steuereinnahmen aus. 14 der 19 Euro-Staaten sind - wie im Märchen - nach Definition der Maastricht-Kriterien überschuldet. Nur Luxemburg, Estland, Lettland, Litauen und die Slowakei haben eine Staatsschuldenquote von weniger als 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). 13 Euro-Staaten gibt Deutschland also unbegrenzt Kredit, „Deutschlands heimliches 750-Milliarden-Risiko“ nannte das die „Neue Zürcher Zeitung“ schon vor einigen Wochen. Inzwischen ist das Risiko noch weiter angewachsen.

Wie das funktioniert?

Dazu zwei Beispiele. Beispiel 1: Frankfurt ist nach London Europas zweitwichtigster Bankenplatz. Alle großen internationalen Finanzinstitute haben hier einen Sitz. Gut etwa für die italienische Zentralbank. Die macht es geschickt und kauft via Frankfurt italienische Staatsanleihen zurück. Das Praktische dabei: Das Geld muss sie nicht selbst bezahlen, es kommt von der Deutschen Bundesbank. Die erhält im Gegenzug eine Forderung gegen Italien. Toll! Der Ex-Chef des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, bezeichnet das augenzwinkernd als „prächtiges Geschäft“. Länder wie Italien oder Spanien tauschten verzinsliche, mit einer Fälligkeit ausgestattete Staatspapiere im Besitz potenziell lästiger Privatinvestoren gegen derzeit unverzinste, niemals fällig zu stellende Buchschulden ihrer Notenbank ein. Für den Steuerzahler wird dies immer mehr zu einem finanziellen Abenteuer, bei dem er nur verlieren, aber nichts gewinnen kann.


Beispiel 2: Italiener, Spanier, Griechen oder wer auch immer aus dem Euro-Raum kaufen deutsche Aktien oder deutsche Autos. Auch das ist keine unübliche Aktion. Schließlich hat Deutschland nicht nur den größten Finanzplatz, sondern ist auch der größte Exporteur der Euro-Zone. Das Geld dafür schreibt die Bundesbank der Bank des deutschen Aktien- bzw. Autoverkäufers gut, die es wiederum an ihren Kunden weiterleitet. Und was erhält sie dafür? Richtig geraten! Noch mal eine Forderung gegen die italienische, spanische oder griechische Notenbank.


Auf mehr als 800 Milliarden Euro haben sich diese Forderungen inzwischen aufgetürmt und sind damit höher als während der schlimmsten Phase der Griechenland-Krise. 800 Milliarden - das ist mehr als das gesamte Steueraufkommen von Bund, Ländern und Gemeinden in einem Jahr. 800 Milliarden - das ist mehr als ein Drittel der gesamten Staatsschulden in Deutschland. 800 Milliarden - das ist so viel, wie Deutschland in 17 (!) Jahren an neuen Krediten aufgenommen hat. Und die Moral von der Geschicht? Leiht der Mann aus dem Märchen seinen bankrotten Freunden Geld und bekommt es nicht zurück, würden wir sagen: „Selbst schuld!“ und „Schön dumm“. Wenn aber die anderen EU-Staaten bei uns Schulden von 800 Milliarden Euro aufhäufen, dann heißt das Target-Saldo und keiner kapiert's. Gesunder Menschenverstand? Politik ist eben nicht wie im richtigen Leben.


Über den Autor: Frank Pöpsel, 50, ist Chefredakteur von FOCUS-MONEY. Der Diplomvolkswirt und gelernte Bankkaufmann ist Herausgeber des Buches "Hilfe, unser Geld". Er warnt seit Jahren vor den Folgen der Staatsschuldenkrise und des Gelddruckens der EZB.


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